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INFO
Meine Fähigkeit zu schreiben, hatte 2020 während des Corona-Lockdowns 50-jähriges Jubiläum. Das Kunstwerk, mit dem ich dies feiern wollte, musste aufgrund meiner elterlichen Verpflichtung zum Homeschooling ein Jahr länger reifen. Mit zunehmender Dauer meines  Pseudo-Lehrertums setzte sich, wie in einer Endlosschleife, ein Buchtitel von Marcel PROUST in meinem Bewusstsein fest.
„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gebrauchte ich ursprünglich als sarkastischen Kalauer, wurde jedoch über eine Art produktiven Missverständnisses schließlich zum inhaltlichen und konzeptionellen Zentrum meines Zeichnungsprojektes. Dieses thematisiert auf abstrakte Weise das Verhältnis von Schüler und Lehrer, blau und rot, richtig und falsch, Trennung und Zusammenhang.

Mitten im kalten Krieg und während der Studentenrevolte war in meinem kleinen Vorort, abgesehen davon, dass mein Vater, ein Lehrer, unsere Mutter, die er während des Studiums kennengelernt hatte, zugunsten einer 20 Jahre jüngeren Kollegin verließ, alles in Ordnung. Anlässlich meiner Einschulung verschwand er in einen „Urlaub“ von der Familie,  aus dem er nie zurückkehrte. Ich lernte schreiben, von Hand, ordentlich und richtig, Rechtschreibung wurde zu meiner Spezialität.

Die Reihenfolge, in der ich die Buchstaben der deutschlandweit verbindlichen Lateinischen Ausgangsschrift einübte, ist in meinem ersten Hausheft überliefert:  wie es sich damals gehörte, machte das kleine i den Anfang, weswegen mein westfälischer Vater seine ersten Klassen immer  i-Männchen nannte, wohingegen sich meine niederrheinsche Mutter mit der Bezeichnung i-Dötzchen nicht durchsetzen konnte. Dotz bedeutet Punkt – auch daher erschien es mir passend, Punkte als gestalterisches Mittel in meinem Zeichenprojektes zu verwenden. Wesentlicher finde ich jedoch, dass Punktlinien sowohl trennende als auch verbindende Funktion haben. Perforationen markieren Sollbruchstellen, überlassen jedoch die Freiheit, alles in der Schwebe zu belassen, fast heile.

In diesen Zeichnungen markiere ich mit farbigen Punkten manuell die geometrischen Hilfslinien, die ich zuvor per Zirkel gezeichnet hatte - eine Umkehrung des Verfahrens, wie meine Tochter Handschrift geübt hat, durch das Nachspuren von gedruckten Punktlinien mit Füller und Tinte. Die ist wie vor 50 Jahren blau. Lehrer*innen korrigieren immer noch in rot. Rot steht für Analyse, für das Trennen der Spreu vom Weizen. Blau aber verweist auf  das Verbindende und Universale, vielleicht auf den Traum und die Freiheit der Gedanken.

 Denkblasen und Spruchbänder beschäftigen mich künstlerisch seit einigen Jahren. Witzigerweise bezeichnet das französische Wort „Phylactère“ beides: sowohl Bänder mit Text in mittelalterlichen Gemälden, als auch Denkblasen in zeitgenössischen Comics. Inspiriert von diesem Zeitspagat versuche ich, beide grafischen Grundformen konzeptionell einigermaßen logisch miteinander in Beziehung zu setzen. Der Titel dieses Kunstwerkes ‚Phylecture‘ ist eine Wortneuschöpfung aus „Phylactere“ und „Lektüre“.

Literatur, die die ich irgendwann mal selbst gelesen habe, wird in meinem Kunstwerk ausschnittsweise ins Zeichnerische übersetzt. Die Größen der hierbei verwendeten Kreisbögen beruhen auf der Reihenfolge, in der ich die Buchstaben erlernt habe. Ausgewählt habe ich Bücher, deren erste Zeile bereits zwei verschiedene Zeitebenen oder Lebensabschnitte zueinander in Beziehung bringt, beispielsweise durch Wörter wie "schon" und "noch".

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